Summary
Das Exponentielle Wachstum der Tokenisierung
In den letzten Jahren hat die Tokenisierung realer Vermögenswerte eine der größten Revolutionen im Finanzbereich dargestellt und über 31 Milliarden US‑Dollar an institutionellem Kapital auf die Blockchain gebracht. Hinter dieser beeindruckenden Zahl verbirgt sich jedoch eine weniger dynamische Realität, als man vermuten könnte: Weniger als 10 % dieser Vermögenswerte, etwa 3 Milliarden US‑Dollar, sind tatsächlich in DeFi‑Protokollen aktiv. Der Rest bleibt „geparkt“ und wird nur sehr wenig bewegt.
Ein anschauliches Beispiel sind die wichtigsten tokenisierten US‑Treasury‑Fonds wie BUIDL von BlackRock, die zwar Milliarden von US‑Dollar halten, aber weniger als 30 Transaktionen pro Monat verzeichnen. Die Tokenisierung ist also eine etablierte Realität, doch der Großteil des Kapitals bleibt ungenutzt und erzeugt keinen zusätzlichen Mehrwert für das Ökosystem.
Die Ursachen der Geringen Liquidität
Drei Strukturelle Hürden
Laut Andrei Grachev, Managing Partner von DWF Labs, ist der eigentliche Knackpunkt die Liquidität. Obwohl Angebot und Kapital bereits vorhanden sind, fehlt die notwendige Infrastruktur, um diese Vermögenswerte tatsächlich im großen Maßstab handelbar zu machen. Drei zentrale Hürden verhindern die zirkulation tokenisierter Vermögenswerte:
- Langsame Pricing‑Infrastruktur: Vermögenswerte wie Private Credit und Immobilien basieren auf täglichen NAV‑Updates, die zu langsam sind, um Market Makern zu ermöglichen, signifikante Liquidität bereitzustellen.
- Probleme bei Settlement und Rücknahme (Redemption): Die Onchain‑Liquidität ist zu dünn, um den institutionellen Bedarf zu decken, während OTC‑Märkte fragmentiert und für Retail‑Anleger unzugänglich bleiben. Trotz des Versprechens von sofortigem Settlement benötigen die meisten tokenisierten Vermögenswerte weiterhin Tage, um eingelöst zu werden.
- Regulatorische Hürden: Viele Emissionen legen Beschränkungen für Übertragungen, KYC‑Pflichten und Akkreditierungsanforderungen fest, die mit der permissionless Natur von DeFi unvereinbar sind.
**Wer Profitiert von der Tokenisierung?**
Bisher waren die Hauptnutznießer der Tokenisierung die institutionellen Vermögensverwalter, die die Produkte emittieren. Die krypto-native Infrastruktur — wie Lending‑Protokolle, Pricing‑Orakel, Market Maker und Redemption‑Plattformen — hat hingegen nur einen kleinen Teil des erzeugten Werts abgeschöpft.
Allerdings schließt sich diese Lücke langsam. Protokolle wie Maple Finance haben über 3,6 Milliarden US‑Dollar TVL überschritten und nutzen tokenisierten Kredit als Sicherheiten für Stablecoins. Orakel wie Pyth und Redstone entwickeln 24/7‑Pricing‑Infrastrukturen für tokenisierte Aktien und Rohstoffe. Innovative Lösungen wie Symbiotics Liquid Lane und die vertikale Integration von Figure gestalten die Landschaft neu, indem sie schnellere Redemptions und ein integriertes Management von Origination, Price Discovery und Settlement bieten.
Die Zukunft der Tokenisierung: Chancen und Herausforderungen
Die Dominanz des Dollars und Neue Grenzen
Derzeit sind über 94 % der tokenisierten Vermögenswerte in USD denominiert. Das eigentliche Wachstumspotenzial liegt jedoch in Staatsanleihen aus Schwellenländern wie Brasilien und der Türkei, die Renditen zwischen 10 % und 15 % bieten. Auch tokenisierte Rohstoffe und Aktien, die zwar keinen nativen Yield aufweisen, ziehen eine starke Retail‑Nachfrage an. Das Protokoll, das in der Lage ist, im großen Maßstab Yield auf diese Vermögenswerte zu integrieren, kann sich eine solide Basis langfristiger Investoren sichern.
Die Tokenisierung hat ihr erstes Versprechen gehalten — Kapital onchain zu bringen —, aber das zweite noch nicht eingelöst: dieses Kapital produktiver zu machen als auf den traditionellen Märkten. Diese Lücke zu schließen, stellt die nächste große Herausforderung dar.
**Wo Wird der Wert Abgeschöpft?**
Das Wachstum tokenisierter Vermögenswerte ist sowohl auf neues Kapital als auch auf eine Rotation krypto‑nativer Mittel hin zu sichereren Renditen zurückzuführen. So haben viele DAOs und Protokolle ihre Reserven in tokenisierte US‑Treasuries diversifiziert, während neue Nutzer von der Möglichkeit angezogen wurden, über die Blockchain Zugang zu traditionellen Finanzinstrumenten zu erhalten. Eine Analyse von Chainalysis zeigt, dass etwa 400.000 Wallets ihren ersten RWA‑Token innerhalb einer Woche nach ihrer Erstellung erhalten haben — ein Zeichen für einen völlig neuen Kapitalzufluss.
Trotz des Wachstums bleibt der Großteil des Werts auf der Ebene der Tokenisierungsplattformen blockiert, häufig aufgrund regulatorischer Beschränkungen und mangelnder Sekundärliquidität. Nur ein kleiner Teil der Vermögenswerte — hauptsächlich US‑Treasuries und Rohstoffe — wird tatsächlich in DeFi‑Protokollen genutzt und generiert Wert für Plattformen wie Sky, Morpho, Aave, Maple Finance und Pendle.
Die Aufkommenden Lösungen für Liquidität
Stablecoins, Orakel und Vertikale Integration
Um das volle Potenzial der Tokenisierung freizuschalten, entwickelt der Markt neue Lösungen:
- Stablecoins als Collateral‑Layer: Sie ermöglichen es, weniger liquide Vermögenswerte als Sicherheiten zu nutzen und erhöhen so die Onchain‑Liquidität. Maple Finance hat beispielsweise eine DeFi‑Nutzungsrate von 64,3 % für Private Credit erreicht.
- Verbesserung der Pricing‑Infrastruktur: Orakel wie Pyth und Redstone liefern Echtzeit‑Preissignale, verringern Spreads und erleichtern die Notierung tokenisierter Vermögenswerte.
- Neue Redemption‑Mechanismen: Initiativen wie Symbiotics Liquid Lane ermöglichen es Market Makern, beim Redemption‑Preis zu konkurrieren und bieten schnellere Ausführungen sowie engere Spreads.
- Vertikale Integration: Figure verwaltet Origination, Price Discovery und Settlement intern, verschafft sich durch proprietäre Daten einen Wettbewerbsvorteil und erweitert das Angebot auf neue Assetklassen wie Real‑Estate‑Equity und Autokredite.
Die Nächsten Großen Chancen
Bei der Analyse der aktuellen Verteilung der Vermögenswerte nach Kategorie und Rendite treten drei Schlüsselsegmente hervor: Private Credit mit Risikoaufschlägen von über 7 %, risikofreie Vermögenswerte (3–4 %) und Vermögenswerte ohne Yield, aber mit starker Preisdynamik. Die größten Chancen liegen in nicht in USD denominierten Anleihen und Krediten sowie in der Möglichkeit, Yield auf tokenisierte Rohstoffe und Aktien zu generieren.
Mit bereits über 4,8 Milliarden US‑Dollar an tokenisierten Rohstoffen onchain und einem signifikanten Wachstum tokenisierter Aktien kann das Protokoll, das Yield auf diese Vermögenswerte bietet, eine Basis langfristiger Investoren anziehen und dabei die bereits bestehende Distribution über Börsen nutzen.
Fazit: Der Wert Wird Sich auf die Infrastruktur Verlagern
Die Tokenisierung stellt einen Wendepunkt für den Kryptosektor dar, doch der wahre Wert wird erst dann sichtbar, wenn die Vermögenswerte wirklich liquide und handelbar sind. Heute sind es die Institutionen und Market Maker, die den Großteil des Werts abschöpfen, doch in Zukunft wird dieser Fluss sich hin zu krypto‑nativen Plattformen verlagern, die besseres Pricing, höhere Renditen und mehr Nutzen bieten können.
Wie Andrei Grachev von DWF Labs betont: „Der Wert wird nicht an diejenigen gehen, die die meisten Vermögenswerte emittieren, sondern an diejenigen, die sie liquide und handelbar machen.“ Die Infrastruktur, die Echtzeit‑Pricing und sofortige Redemptions ermöglicht, wird der eigentliche Motor der nächsten Wachstumsphase der Tokenisierung sein. Und der Aufbau dieser Infrastruktur ist bereits im Gange.

