StartBlockchainEuropäische Blockchain-Genossenschaft RL1 startet mit bereits 700 Mio. € on-chain

Europäische Blockchain-Genossenschaft RL1 startet mit bereits 700 Mio. € on-chain

Die europäischen Banken haben jahrelang isoliert mit der Blockchain experimentiert – getrennte Pilotprojekte, inkompatible Ledger, keine gemeinsame Abwicklungsschicht. Genau diese Fragmentierung versuchen nun zehn große Finanzinstitute mit einer einzigen, gemeinsam gehaltenen europäischen Blockchain-Genossenschaft namens RL1 zu beheben, die am 28. Juli offiziell gestartet wurde.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Zehn europäische Banken haben RL1 (Regulated Layer One) gestartet, ein gemeinsam gehaltenes Blockchain-Netzwerk, das als Europäische Genossenschaft (SCE) mit Sitz in Luxemburg strukturiert ist, in der jedes Mitglied eine gleichberechtigte Stimme hat.
  • Das Netzwerk übernimmt Infrastruktur von SWIAT, das in drei Jahren Produktivbetrieb mehr als 50 Transaktionen im Wert von über 700 Mio. € abgewickelt hat, bevor das Eigentum auf die Genossenschaft überging.
  • Die Gründungsmitglieder stammen aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Spanien und umfassen ABN AMRO, DekaBank, DZ BANK, Natixis CIB, LBBW, Crédit Mutuel Alliance Fédérale, Cecabank, SC Ventures, Chartered Investment und Seturion.
  • RL1 zielt auf regulierte Workflows wie die Emission digitaler Anleihen, tokenisierte Real-World-Assets, Onchain-Besicherungsmobilisierung, von Banken emittierte Stablecoins sowie Repo- und Derivate-Margining.
  • Das Netzwerk steht im Einklang mit den Appia- und Pontes-Initiativen der Europäischen Zentralbank, die darauf abzielen, tokenisierte Transaktionen in Zentralbankgeld zu begleichen.

Start von RL1: Was es ist und warum Banken es gemeinsam aufgebaut haben

RL1 – kurz für Regulated Layer One – ist ein permissioniertes Blockchain-Netzwerk, das speziell für regulierte Finanzinstitute entwickelt wurde. Es ist kein Startup, keine öffentliche Blockchain und keine Krypto-Börse. Es ist ein kooperatives Infrastrukturprojekt, das kollektiv von den Banken besessen wird, die es nutzen, ohne dass eine einzelne Institution mehr Macht als eine andere hat.

Dieses Governance-Design ist bewusst gewählt. RL1 agiert als Europäische Genossenschaft (SCE) mit Sitz in Luxemburg mit einer Generalversammlung, einem Aufsichtsrat und einem operativen Vorstand. Jedes Gründungsmitglied hat eine gleichberechtigte Stimme. Das Modell soll verhindern, dass eine einzelne Institution die Ausrichtung des Netzwerks dominiert – eine wiederkehrende Spannung bei branchenweiten Finanzinfrastrukturprojekten.

Die Gründungsgruppe ist geografisch divers: ABN AMRO aus den Niederlanden; DekaBank, DZ BANK und LBBW aus Deutschland; Natixis CIB und Crédit Mutuel Alliance Fédérale aus Frankreich; Cecabank aus Spanien; sowie SC Ventures, Chartered Investment und Seturion, die die zehn Mitglieder komplettieren. NatWest wird auf der Website des RL1-Netzwerks als „kommt bald dazu“ aufgeführt, während die deutschen staatlichen Förderbanken KfW und L-Bank das Projekt als Unterstützer fördern, ohne Gründungsmitglieder der Genossenschaft zu sein.

Die Infrastruktur von RL1 bringt eine Erfolgsbilanz mit

Die meisten neuen Finanznetzwerke starten kalt – ohne Transaktionshistorie, ohne nachgewiesene Resilienz, ohne über die Zeit aufgebautes institutionelles Vertrauen. RL1 beginnt aus einer anderen Position.

Das Netzwerk läuft auf einer Distributed-Ledger-Infrastruktur, die ursprünglich von SWIAT entwickelt wurde, einem in Frankfurt ansässigen Fintech, das zuvor DekaBank, LBBW, SC Ventures und Comyno gehörte. Diese Infrastruktur war bereits drei Jahre lang im Produktivbetrieb, bevor die Genossenschaft gestartet wurde, und hat laut Startmitteilung mehr als 50 Transaktionen mit einem Gesamtwert von über 700 Mio. € abgewickelt.

Das Eigentum an diesem Netzwerk ist nun auf die RL1-Genossenschaft übergegangen. SWIAT selbst bleibt als Softwarelieferant und technischer Betreiber bestehen – eine bewusste Trennung, bei der die Banken gemeinsam die Schienen besitzen, während ein spezialisiertes Technologieunternehmen die Motoren am Laufen hält.

Henning Vollbehr übernimmt das Ruder

Henning Vollbehr, der als Geschäftsführer von SWIAT tätig war, wechselt an die Spitze der neuen Genossenschaft. Seine Kontinuität in dieser Rolle ist bedeutsam: Die Person, die das Produktionsnetzwerk aufgebaut hat, steuert nun dessen Transformation zu einer gemeinsamen europäischen Infrastruktur. In einer Erklärung zum Start beschrieb Vollbehr RL1 als „die verbindende Infrastruktur für Europas digitalen Finanzmarkt“ und stellte es als Übergang von fragmentierten Tokenisierungs-Piloten zu einem integrierten Kapitalmarkt-Ökosystem dar.

Wofür RL1 tatsächlich gebaut wurde

Das Netzwerk zielt auf die Kern-Workflows ab, die regulierte Finanzinstitute tatsächlich betreiben müssen. Dazu gehören die Emission digitaler Anleihen, tokenisierte Real-World-Assets, Onchain-Besicherungsmobilisierung, von Banken emittierte Stablecoins sowie Repo- und Derivate-Margining. Der Schwerpunkt liegt auf produktionsreifen Anwendungsfällen, nicht auf Proof-of-Concept-Demonstrationen.

Auf der Regulierungsseite werden die von BaFin beaufsichtigten elektronischen Wertpapierregister von SWIAT auf RL1 migrieren. SWIAT hat angegeben, dass diese Dienste ohne Änderungen an der zugrunde liegenden Softwareebene übertragen werden können, was die Migrationskomplexität reduziert. Allerdings ist die Migration noch nicht abgeschlossen.

Ein konkreter früher Testfall kommt von der KfW. Die deutsche staatliche Förderbank emittierte im Juni eine Blockchain-Anleihe über 100 Mio. € und plant für den Herbst die Migration ihres Registers und des zugrunde liegenden Ledgers von Cashlink und Polygon zu DekaBank und SWIAT/RL1. Die KfW beabsichtigt außerdem, spätere Zahlungen über die Pontes-Infrastruktur des Eurosystems anzubinden, auch wenn diese Anbindung noch aussteht.

Ausrichtung an den Abwicklungsambitionen der EZB

Vielleicht der strategisch bedeutendste Aspekt von RL1 ist seine bewusste Positionierung neben der Infrastruktur der Zentralbank. Die Pontes-Initiative der Europäischen Zentralbank – deren Start im dritten Quartal 2026 erwartet wird – wird marktseitige Distributed-Ledger-Plattformen mit den TARGET-Services des Eurosystems verbinden und es ermöglichen, tokenisierte Transaktionen direkt in Zentralbankgeld zu begleichen. Das längerfristige Appia-Programm führt diese Vision weiter.

RL1 ist so konzipiert, dass es sich in beide integrieren lässt. Die praktische Folge: Anstatt tokenisierte Vermögenswerte in Geschäftsbankgeld oder von privaten Akteuren emittierten Stablecoins zu begleichen, könnten Transaktionen auf RL1 letztlich in der sichersten verfügbaren Geldform abgewickelt werden – Zentralbankgeld. Dieser Unterschied ist für die institutionelle Akzeptanz und das Management systemischer Risiken von enormer Bedeutung.

Die breitere strategische Logik dahinter ist eine kurze Betrachtung wert. Europa hat in den vergangenen Jahren Dutzende von Tokenisierungs-Piloten gesehen, von denen die meisten auf einzelne Institute oder kleine Konsortien beschränkt waren. Was RL1 versucht, ist eine andere Form der Koordination – keine Fusion, kein Plattformvorstoß einer dominanten Bank, sondern eine Genossenschaft, in der kein Mitglied mit dem Netzwerk einfach davonziehen kann. Wenn die Pontes-Infrastruktur der EZB planmäßig startet und RL1 seine bestehenden Register erfolgreich migriert und weitere Mitglieder gewinnt, könnte die Kombination den europäischen Kapitalmärkten eine gemeinsame Abwicklungsschicht verschaffen, die es derzeit in keiner kohärenten Form gibt.

Wer ist dabei, wer kommt als Nächstes und was das Netzwerk braucht

Über die zehn Gründungsmitglieder hinaus hat die Genossenschaft bestätigt, dass Gespräche mit weiteren europäischen Banken laufen. Der erwartete kurzfristige Beitritt von NatWest würde die Reichweite des Netzwerks auf den britischen Markt ausdehnen. Das Engagement von KfW und L-Bank als Unterstützer – statt als Vollmitglieder – signalisiert, dass staatliche Institute dem Projekt auch ohne volle Genossenschaftsmitgliedschaft einen Wert beimessen.

Das Netzwerk ist ausdrücklich für weitere regulierte Finanzmarktteilnehmer offen, und die acht bestehenden technischen Betreiber von SWIAT sind auf der RL1-Website aufgeführt, auch wenn die Migration dieser Validatoren auf die Infrastruktur der Genossenschaft noch als beabsichtigt und nicht als abgeschlossen beschrieben wird.

Was RL1 nun beweisen muss, ist Volumen. Die von SWIAT übernommenen 700 Mio. € aus drei Jahren Aktivität sind eine glaubwürdige Grundlage, stellen aber nur einen relativ kleinen Ausschnitt der europäischen Kapitalmärkte dar. Die anvisierten Workflows – insbesondere Besicherungsmobilisierung und Derivate-Margining – umfassen enorme tägliche Volumina. Ob große Clearing-Banken, Asset Manager und weitere staatliche Emittenten diese Ströme auf RL1 bringen, wird entscheiden, ob dies ein gut strukturiertes Pilotprojekt bleibt oder zu echter Marktinfrastruktur wird. Die Herbst-Migration der KfW-Anleihe ist der erste Praxistest für diese Entwicklung.

FAQ

Was ist RL1 und wer hat es gestartet?

RL1, oder Regulated Layer One, ist ein gemeinsam gehaltenes Blockchain-Netzwerk für regulierte Finanzmärkte. Es wurde am 28. Juli 2026 von zehn europäischen Finanzinstituten gestartet, darunter ABN AMRO, DekaBank, DZ BANK, Natixis CIB, LBBW, Crédit Mutuel Alliance Fédérale, Cecabank, SC Ventures, Chartered Investment und Seturion aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Spanien.

Welches Governance-Modell verwendet RL1?

RL1 agiert als Europäische Genossenschaft (SCE) mit Sitz in Luxemburg. Jedes Gründungsmitglied hat eine gleichberechtigte Stimme in der Governance und Weiterentwicklung des Netzwerks, das aus einer Generalversammlung, einem Aufsichtsrat und einem operativen Vorstand besteht.

Welche Infrastruktur treibt RL1 an?

RL1 läuft auf einer Distributed-Ledger-Infrastruktur, die ursprünglich von dem in Frankfurt ansässigen Fintech SWIAT entwickelt wurde. Dieses Netzwerk war drei Jahre lang im Produktivbetrieb und hat mehr als 50 Transaktionen im Wert von über 700 Mio. € abgewickelt, bevor das Eigentum auf die RL1-Genossenschaft überging. SWIAT bleibt weiterhin Softwarelieferant und technischer Betreiber.

Welche finanziellen Workflows wird RL1 unterstützen?

RL1 zielt auf regulierte institutionelle Workflows wie die Emission digitaler Anleihen, tokenisierte Real-World-Assets, Onchain-Besicherungsmobilisierung, von Banken emittierte Stablecoins sowie Repo- und Derivate-Margining. Von BaFin beaufsichtigte elektronische Wertpapierregister von SWIAT sollen ebenfalls auf das RL1-Netzwerk migrieren.

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